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SOS im Unterholz: Bei Unfall im Wald schnellere Hilfe für Verletzte (Hessen)


Forschungsprojekt SIRENE der Frankfurt UAS entwickelt telematisch gestützte Rettungskette für Notfälle in der Natur

Frankfurt am Main, 6. Mai 2020.

Unfallopfer

Der Wald wird als Ort der Freizeitgestaltung immer beliebter. Aber Aktivitäten im Grünen sind nicht ohne Risiko. Wer im Gelände wandert, radelt, klettert und dabei einen Unfall hat, benötigt rasche Hilfe. Das Problem für die Rettungskräfte: Verunglückte im Unterholz schnell zu finden und zu bergen. Die Lösung für dieses Problem schafft ein neu entwickeltes, ganzheitliches IT-Paket auf der Basis von Geodaten. Es macht die Rettung auch in adresslosen Gebieten effizienter – vorausgesetzt, die verunfallte Person hat ein Smartphone dabei, und die Netzverbindung ist stabil. Der Anruf über die Nummer 112 löst eine telematisch gestützte und prozessgesteuerte Rettungskette aus. Die genaue Position des Unfallopfers wird bestimmt, Feuerwehr, Polizei und Bergwachten erhalten Navigationsanweisungen, wie sie sich unwegsamen Unfallstellen am besten annähern. Auch verunglückte Waldarbeiter/-innen und Forstleute können die Rettungskräfte so ohne Verzug erreichen. Das Prinzip: Alle drei Komponenten der digitalen Rettungskette kommunizieren während des gesamten Einsatzes und tauschen Standortinformationen untereinander aus.

Einsatzfahrt

Entwickelt wurde diese Rettungsketten-Suite im Rahmen des Forschungsprojekts SIRENE (Sicherheit und Rettung in Natur und Erholungsräumen mit Hilfe navigationsgesteuerter Prozessketten) unter Leitung von Prof. Dr.-Ing. René Thiele, Professor für Geoinformatik am Fachbereich Architektur, Bauingenieurwesen und Geomatik und Vizepräsident für Studium und Lehre der Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt UAS). Die Hochschule kooperierte dazu mit dem Kuratorium für Waldarbeit und Forsttechnik e.V. (KWF) und der NavLog GmbH, beide Groß-Umstadt, sowie der Hessischen Verwaltung für Bodenmanagement und Geoinformation (HVBG) in Wiesbaden. Das Projekt wurde gefördert aus Mitteln der Landes-Offensive zur Entwicklung Wissenschaftlich-ökonomischer Exzellenz (LOEWE).

Rund ein Drittel der Fläche Deutschlands besteht aus Wald; insgesamt 11,4 Millionen Hektar. Hessen ist das waldreichste Bundesland. Von den rund 141.000 Arbeitsunfällen, welche die Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau 2018 verzeichnete, passierten 7,4 Prozent bei Forst- und Waldarbeiten; das sind über 10.400 Forstunfälle. Gleichzeitig steigt seit Jahren die Nutzung von Berg- und Waldlandschaften durch Freizeitsportler/-innen. Nach Expertenschätzungen ereignen sich jährlich 1,26 Millionen Unfälle bei Aktivitäten wie Wandern oder Fahrradfahren. Vor allem riskantere und unfallträchtige Sportarten wie Mountainbiken und Downhillrennen nehmen deutlich zu. „Die Nutzung von Berg- und Waldgebieten steigt und die Unfallzahlen von Freizeitaktiven ebenso“, berichtet Thiele. „Diese Entwicklung stellt für die Rettungsketten in Naturräumen ohne ausgebaute Straßen und damit für die Mitarbeitenden der Rettungsdienste bislang eine Herausforderung dar, die wir mit SIRENE lösen wollen.“

Als Datengrundlage nutzten die Partner vorhandene Geoinformationssysteme (GIS) sowie Geobasisdaten und verknüpften sie mit Fachdaten aus der Wald- und Forstwirtschaft. Der Partner KWF führt beispielsweise seit 2013 die bundesweiten forstlichen Rettungspunkte in einem fortlaufenden Projekt zusammen und stellte sie dem SIRENE-Projekt zur Verfügung. Die Rettungspunkte stammen hauptsächlich aus den Staatsforsten. Bei sieben Bundesländern ist auch der Kommunal- und Privatwald in weiten Teilen abgedeckt. Weitere Datenquellen kamen über die App „Hilfe im Wald“, die das Umfeld von Rettungspunkten im Wald visualisiert, den Online-Geodatendienst HERE, den Business Forestry Navigator der Logiball GmbH sowie der NavLog Waldwegedaten. Damit wurden neben öffentlichen Straßen auch Forstwege in eine Anwendung aufgenommen, die bisher in keiner Navigationslösung für Fahrzeuge erfasst wurde. „Das sind Wege, die Rettungskräfte zumindest mit dafür ausgerüsteten Fahrzeugen befahren können“, erläutert Thiele.

Im Forschungsprojekt entwickelten die Forscher/-innen drei Anwendungen, die sich über standardisierte Schnittstellen in vorhandene Technologien der Einsatzleitstellen integrieren lassen: eine Rettungs-App zur Unfall-Meldung, eine Rettungssuite in Web- oder Desktopvariante als zentrale Steuerkomponente für die Leitstellen sowie einen Rettungslotsen, der als mobile App die Rettungswagen zum Einsatzort führt. Es beginnt mit einem Anruf der 112 oder 110 durch das Opfer oder Ersthelfer/-innen. Wer die Rettungs-App bereits auf dem Smartphone installiert hat, startet darüber den Anruf. „Die gesetzlichen Vorgaben im Rettungswesen sehen allerdings bisher nur einen klassischen Telefonanruf vor, deshalb müssen die folgenden Kommunikationsabläufe auch ohne App funktionieren“, erläutert Thiele. Der Anruf landet in der nächstgelegenen Rettungsleitstelle. Als zweite Anwendung erkennt die dort installierte Rettungssuite, dass der Anruf von einem Smartphone kommt. Die Suite sendet automatisch an das Handy per SMS einen Link, der zu einer einfachen Webanwendung führt. Im Handydisplay erscheint ein roter Knopf. Klickt die verunfallte Person (oder die Begleitperson) ihn an, gibt sie die GPS-Ortung frei oder stimmt alternativ zu, dass sie über die Einwahlknoten ihres Telefonproviders lokalisiert werden darf. In der App kann man zudem ergänzende Angaben zu Anzahl der Verletzten oder Art der Verwundungen machen.

„Die Anwendung beschränkt sich damit auf das Wesentliche, erfüllt alle Datenschutzbestimmungen und ist dennoch vom Opfer selbst intuitiv zu bedienen“, resümiert Thiele. „Im Idealfall mit GPS-Ortung werden Unfalls- und Fundstelle eindeutig identifiziert und an die dritte Anwendung, den Rettungslotsen, übermittelt.“ Auf dieser Grundlage können die Einsatzkräfte ihre Einsatzstrategie und -mittel planen. Der digitale Rettungslotse läuft wie eine gewöhnliche Navigations-App auf einem Smartphone. Er liefert den Rettungskräften Hinweise, mit welchen Fahrzeugen sie möglichst nah an das Opfer herankommen.

Das gesamte System ist fast bis zur Marktreife entwickelt und hat seine Praxistauglichkeit bereits unter Beweis gestellt. Die Berufsfeuerwehr Wiesbaden rückte im April 2019 mit zwei Einsatzfahrzeugen samt Einsatzkräften in den Wald aus und simulierte verschiedene Rettungsszenarien. Die Bergwacht des Hochtaunuskreises nutzte über mehrere Tage SIRENE parallel im Einsatz. Nach den erfolgreichen Funktionstests wurden Gespräche mit Politik und Sicherheitsbehörden zur Definition weiterer Schritte aufgenommen. Thiele zieht zufrieden Bilanz: „SIRENE hat bewiesen, dass es einen großen Beitrag für effiziente Rettungsketten in Naturräumen leistet.“

Quelle: Presseinformation Frankfurt UAS und www.frankfurt-university.de/sirene

Bildquelle: ©HA Hessen Agentur GmbH_Jan Michael Hosan

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